Selbstfahrende Autos gelten vielerorts noch als Zukunftstechnologie. Während in den USA und China bereits Robotaxis durch Großstädte rollen, diskutiert Europa scheinbar noch über Regulierungsrahmen und die korrekte Schriftgröße von Warnhinweisen. Doch diese Wahrnehmung könnte falscher nicht sein.
Deutschland hinkt in der Entwicklung autonomer Fahrzeuge dem Rest der Welt nicht etwa hinterher, sondern ist um Jahrzehnte voraus – und das schon seit Jahrzehnten! Ein groß angelegter Feldversuch mit autonom fahrenden Fahrzeugen läuft hierzulande bereits seit den 1950er Jahren. Im regulären Straßenverkehr, unauffällig, aber kurz vor der Marktreife.
Hinter dem Programm ZuSe („Zukünftig Selbstfahrend”) steht ein Konsortium deutscher Automobilhersteller, welches über das „Zuse-Memorandum” als Eckpfeiler der Industriepolitik der jungen Bundesrepublik verankert wurde. Darin beschrieb Konrad Zuse, wie Rechenmaschinen Automobile sicherer durch den Straßenverkehr steuern könnten als jeder menschliche Fahrer.
Schnell war klar, dass die Tests auf öffentlichen Straßen stattfinden mussten und die Fahrzeuge jederzeit eindeutig erkennbar sein sollten. Zunächst war die Kennzeichnung OF („Ohne Führerschein”) im Gespräch. Letztlich entschied man sich für das nüchternere KI („Künstliche Intelligenz”).
Für eine dezente Tarnung wurde das Kennzeichen KI am 1. Juli 1956 offiziell dem Zulassungsbezirk Kiel zugeordnet. Norddeutschland eignete sich dank seiner flachen Topografie und moderaten Verkehrsdichte ohnehin als ideale Testregion.
Der Trainingsansatz war denkbar einfach: Nicht die Menschen sollten in die Fahrschule gehen, sondern die Autos. Nach nur wenigen Fahrstunden erlernten die Fahrzeuge die Grundlagen des Fahrens, berichtet Hauke Tiedemann, einer der ersten Fahrlehrer im Projekt. Das Bestechende an diesem Ansatz war die Technologieoffenheit: Auch wenn ein temperamentvoller Fiat im Schnitt deutlich mehr Fahrstunden brauchte als ein Käfer – nach bestandener Prüfung erhielten alle Fahrzeuge das KI-Kennzeichen.
Seit 1956 wurde die Flotte konsequent ausgebaut. Nach aktuellem Stand umfasst sie mehr als 100.000 Fahrzeuge und ist damit die mit Abstand größte Flotte autonomer Fahrzeuge weltweit. Zum Vergleich: Waymo betreibt zurzeit etwa 3.000, Tesla weniger als 1.000 Robotaxis. Dirk Feddersen, Sprecher des Projekts, betont, dass Kiel schon seit Jahren konsequent auf Robotaxis setze. Unter der Nummer 680101 könne jeder unkompliziert ein KI-Fahrzeug bestellen und man müsse sich noch nicht einmal für den Dienst registrieren.
Die KI-Fahrzeuge bewegen sich damit seit Jahrzehnten im regulären Verkehr, ohne aufzufallen. Ein erhöhtes Unfallaufkommen wurde nicht festgestellt – im Gegenteil: Die Fahrzeuge fielen intern durch vorbildliches Blinkverhalten, konsequente Einhaltung des Rechtsfahrgebots und eine in Deutschland sonst kaum anzutreffende Gelassenheit auf.
Auch international sammelte das Projekt Erfahrungen. Das Testfahrzeug KITT (Kieler Technologie-Test) absolvierte in den 1980er Jahren zahlreiche Testfahrten in Kalifornien und inspirierte damit zahlreiche Gründer im Silicon Valley und nicht zuletzt die DARPA Grand Challenge.
Doch der Feldversuch in Norddeutschland stößt mittlerweile an seine Grenzen. Experten sprechen von sogenanntem „Overfitting“: Die Systeme funktionieren zwischen Flensburg und Neumünster tadellos, andernorts jedoch noch nicht optimal. Erst vergangene Woche wurde ein desorientiertes KI-Fahrzeug in München gesichtet, das am Stachus mehrfach die Spur wechselte und an einer roten Ampel die Vorfahrt per Lichthupe zu erzwingen versuchte – eigentlich gut erlerntes und normales Verhalten in der bayerischen Landeshauptstadt, aber die KI-Steuereinheit erlitt dabei einen neuronalen Zusammenbruch, kam auf einem Radweg zum Stehen und musste unauffällig neu gebootet werden.
Um mehr Großstadtdaten zu gewinnen, wird der Feldversuch nun deutlich ausgeweitet. Als nächster Standort ist Köln (mit Kennzeichen „K-I”) vorgesehen. Intern gilt die Stadt aufgrund ihres Verkehrsaufkommens und der rheinischen Grundhaltung im Straßenverkehr als „idealer Stresstest”.
Kritiker im Projekt bemängeln allerdings, dass der Trainingsansatz über KI-Fahrschulen bestenfalls menschliches Fahrniveau erreichen könne. Daher wird parallel in Augsburg eine völlig neue Systemgeneration erprobt, die den Projektnamen „A-GI” („Auto, Ganz Intelligent”) trägt. Insider berichten, dass dieses System das bisherige KI-System bereits deutlich übertreffe.
Beflügelt von diesen Erfolgen wird nun die Marktreife angepeilt. Das Genehmigungsverfahren läuft bereits. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder gründete hierfür höchstpersönlich die Task Force BER („Besonders Effiziente Regulierung”).